Der Pferdezuchtblog - 1. Die Auswahl und Zuchttauglichkeit der Stute

Hegt man den Wunsch, ein Fohlen zu züchten, so ist es der erste Schritt, eine geeignete und zuchttaugliche Zuchtstute auszuwählen. 

Als Vorüberlegung sollte man sich klarmachen, was man von seiner Nachzucht erwartet. Zunächst sollte man sich die Frage stellen, ob man für den Eigenbedarf oder für die Vermarktung züchten möchte, denn hier divergieren die Kriterien der Auswahl der Elterntiere bereits enorm. Wünschen sich beispielsweise Verkäufer auf Auktionen spektakuläre Traber, können diejenigen, die für den Eigenbedarf züchten, auch auf Spätentwickler setzen oder aktuelle Modetrends vernachlässigen.

Weiterhin sind die sportliche Eignung im Hinblick auf die jeweilige Disziplin sowie das Exterieur (also das äußerliche Erscheinungsbild) und das Interieur (zum Beispiel der Charakter, die Rittigkeit und die Leistungsbereitschaft) zu beachten. Aber auch die Gesundheit und Härte eines Pferdes sind Faktoren, die bei der Pferdezucht, deren Ziel es ist, gesunde Pferde hervorzubringen, eine übergeordnete Rolle spielen sollten. Demnach ist es abzulehnen, mit Pferden, die beispielsweise einer sportlichen Belastung (zum Beispiel durch Exterieur- oder Interieurmängel) nicht standhalten konnten, zu züchten, da die Nachzucht selten tauglicher wird als die Elterntiere selbst. Aus diesem Grund sollte sich nicht jedes Pferd reproduzieren (besonders bei ausgeprägten Mängeln sollte man nicht darauf hoffen, dass sich nur die wenigen guten Eigenschaften vererben und eher auf einen Zuchtversuch verzichten), weswegen die Selektion der geeigneten Zuchttiere eine beachtenswerte Herausforderung für jeden Züchter darstellt.

Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen vererbbaren Mängeln oder Krankheiten (wie beispielsweise ein zu kurzer oder langer Rücken oder ein nicht haltbarer Sehnenapparat, was bei Vererbung zu Problemen führen kann) und erworbenen Verletzungen (wie beispielsweise einer Fraktur, die sich selbstverständlich nicht vererbt) oder Beeinträchtigungen durch Haltungsmängel oder ähnlichem. Eine Beratung des Tierarztes, der das Tier im besten Fall bereits über einen längeren Zeitraum begleitet und seine Vorgeschichte kennt, gibt Aufschluss darüber, ob es sinnvoll ist, mit einer Stute zu züchten.

Wichtig zu wissen ist, dass sich sowohl die guten als auch die schlechten Eigenschaften der Elterntiere gleichermaßen vererben können. Daher ist es von Bedeutung, zu der jeweiligen Zuchtstute auch den dazu passenden Hengst auszuwählen, der in Anpaarung mit der Stute die aufgestellten Kriterien erfüllen kann. Idealerweise ergänzen sich die Stute und der Hengst in der Anpaarung, was bedeutet, dass beispielsweise in Abhängigkeit zu dem jeweiligen Zuchtziel eine zierliche und nervöse Stute mit einem großrahmigen Hengst mit ausgeglichenem Charakter angepaart werden könnte. 

Häufig sagt man, dass die Mutter den meisten Teil vererbt, dies ist dann richtig, wenn man betrachtet, dass jeweils 50% der Gene von der Stute und vom Hengst stammen, jedoch 100% des erworbenen Verhaltens durch die Aufzucht der Mutter geschieht. Hierin liegt begründet, wie wichtig der Charakter einer Zuchtstute ist, da sich das Fohlen vieles von der Mutter abschaut und ihr Verhalten, besonders in Bezug auf andere Pferde und den Menschen, häufig übernimmt.

Selbstverständlich sollte der Allgemeinzustand der Stute, die in der Zucht zum Einsatz kommen soll, absolut in Ordnung sein, wobei auch ihr Alter eine Rolle spielt. Aufgrund ihrer eigenen Entwicklung, die durch eine Trächtigkeit stagnieren könnte, sollte man eine Stute frühestens mit drei Jahren decken lassen. Eine Höchstgrenze des Alters gibt es nicht, da die Pferde im Alter unterschiedlich fit sind, jedoch muss unbedingt beachtet werden, dass die Stute körperlich und mental in der Lage sein muss, nicht nur die elfmonatige Trächtigkeit, während der das zunehmende Gewicht des Fohlens eine zusätzliche Belastung für den Körper der Stute darstellt, sondern auch die sechsmonatige Aufzucht des Fohlens leisten zu können, die mitunter sehr aktiv vonstattengeht. Darüber hinaus nimmt die Fruchtbarkeit der Stute, besonders wenn sie noch kein Fohlen geboren hat, mit zunehmendem Alter stetig ab. 

In einer tierärztlichen Zuchttauglichkeitsuntersuchung wird nach einer umfangreichen Anamnese (beispielsweise über die bisherige Nutzung der Stute, Vorerkrankungen, Haltungsform, Zyklusverlauf und Rosseintensität, aber auch Entwurmung, Immunisierung, ...) zunächst der Allgemeinzustand in einer Allgemeinuntersuchung bewertet und anschließend eine gynäkologische Untersuchung durchgeführt. Dabei werden die äußeren und inneren Geschlechtsorgane der Stute umfangreich untersucht. Die Untersuchung der äußeren Geschlechtsorgane umfasst beispielsweise die Vulva und den Schamschluss, aber auch die Innenseiten der Schenkel im Hinblick auf möglichen Sekretausfluss. Das Euter und die Milchdrüsen, deren Funktion wesentlich für die Aufzucht des Fohlens ist, sind ebenso wichtig zu untersuchen.

Der Genitaltrakt der Stute wird üblicherweise mittels Abtasten und einer rektalen Ultraschalluntersuchung befundet, hierzu gehören beispielsweise Größe und Beschaffenheit der Gebärmutter sowie ihres Inhaltes, des Gebärmutterhalses und der Eierstöcke.

Vor einer Besamung ist es empfehlenswert, eine so genannte Tupferprobe zu entnehmen und untersuchen zu lassen, um Keime, die eine Aufnahme der Trächtigkeit verhindern oder zu ihrem Abbruch führen könnten, auszuschließen. Eine positive (also keimbelastete) Tupferprobe ist jedoch kein Ausschlusskriterium für die züchterische Nutzung einer Stute, denn die Keime können in der Regel mit antibiotischen Medikamenten behandelt werden, sodass die Stute bereits häufig in der nächsten Rosse für die Besamung in Frage kommt.

 

 

Literaturangaben:

Aurich, C.: Reproduktionsmedizin beim Pferd; 2009

Götze, R.: Besamung und Unfruchtbarkeit der Haustiere; 1949

Kappmeier, S.: Ich möchte ein Fohlen haben; 1998

Kattwinkel, K.: Ein Fohlen von der eigenen Stute; 2015

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